Tjarda - Blutiges Djinn (Folge 1: Twalley)



Es ist so weit! Heute gibt es die erste Folge von Tjarda - Blutiges Djinn

 
Ich habe mich hier an eine etwas düstere Version von Endzeit-Geschichte gewagt. Geplant ist, dass ihr alle zwei Wochen Nachschub erhaltet. Die Story kann vollständig und gratis auf meinem Blog gelesen werden. 
Es handelt sich um eine unlektorierte Version, daher ist bisher noch nicht geplant, dass Tjarda als Buch erscheinen soll. Natürlich hoffe ich dennoch, dass ihr Freude an der Geschichte haben werdet!









Mein Name ist Tjarda. Ich bin dreiundzwanzig Jahre alt, was an einem Ort wie Ocean bedeutet, dass ich auf der Abschussliste bin. Meine Aufgabe ist es, Menschen zu töten. Keine Normalen, sondern den abartigen Abschaum, der selbst hier auf dem Plateau für Angst und Schrecken sorgt. Außerdem muss ich Dinge beschaffen, die anderen Schaden können. Nicht, dass ihr jetzt denkt ich wäre ein Wohltäter. Ich mache es, weil ich dafür das bekomme, das mich am Leben hält. Und es funktioniert gut. 




Devin sah die junge Frau schon von Weitem. Sie war eigentlich hübsch. Doch ihre Kleidung war zerrissen, der Gang leicht schwankend und die dunklen Ringe unter den Augen bezeugten ihren Zustand. Er stieß sich von der Wand ab, an die er sich gelehnt hatte und ging ihr einige Schritte entgegen. Devin wusste, dass sie zu ihm wollte. Solche Leute waren seine Hauptzielgruppe. Grinsend schielte er auf den tiefen Ausschnitt. Wenn man von der dreckigen Haut und den verfilzten Haaren absah …
„Hey Süße, suchst du was Bestimmtes?“
Sie warf ihm einen verwirrten Blick zu. „Hast du was?“ Ihre Stimme war heiser, was bedeutete, dass sie mehr als überfällig war. Sie würde alles tun, um an das Djinn zu kommen. Jackpot. 
„Klar, komm her.“
Sie stolperte beinahe über ihre eigenen Füße, als sie seinem Wunsch nachkam. Die glasigen Augen weit aufgerissen. Sie waren blau. Kein einfaches, schlichtes Blau, über das man entweder getrost hinwegsah oder über das man einer Kleinen Komplimente machte, die man ins Bett kriegen wollte. Nein. Diese hier hatten die Farbe von dem türkisfarbenen Meer, wie es früher einmal gewesen war. Wie er es nur von Bildern kannte. Dazu die dunklen Haare, der Körper. Verdammt. Sie kam näher und blickte ihn mit einer Naivität an, die schon fast zu bemitleiden war. Speichel lief aus ihrem Mundwinkel, tropfte über ihr Kinn, doch das schien sie nicht zu stören. Devin auch nicht. Er hatte bisher weitaus Schlimmeres gesehen. Die hier war tatsächlich noch brauchbares Material, für das, was er mit ihr im Sinn hatte.
„Wo?“, brachte sie mühevoll hervor. Ihr rechtes Knie knickte immer wieder ein, sie konnte sich kaum noch auf den Beinen halten.
Devin zwinkerte ihr zu. „Komm mit.“
Auf den unteren linken Container hatte jemand irgendwann einmal eine große Zwölf gesprüht. Daher auch der Name: Twelve-Alley oder auch Twalley. Das Twalley war sein Jagdgebiet. Darum hatte Devin hart kämpfen müssen und seit nunmehr zwei Jahren war es niemandem gelungen sie ihm streitig zu machen.
„Da rein“, sagte er und deutete in die breite Gasse zwischen den hoch aufragenden Containern. Sie musste sich an einer der Wände abstützen. Devin lief neben ihr her und ließ sich Zeit dabei, ihren Körper ausgiebig zu mustern. Das schien sie nicht einmal zu bemerken. Verdammt, was für ein geiler Arsch. Er schmunzelte.
Immer wieder warfen einige Bewohner der Container-Einheiten ihnen fragende Blicke zu, zogen sich jedoch sofort in ihre provisorische Behausung zurück. Zerrissene Vorhänge waren am Metall befestigt worden, um zumindest ein wenig Privatsphäre zu sichern. Der Gestank, der im Twalley herrschte, war eine Mischung aus Fäkalien, Erbrochenem und menschlichem Schweiß. Es war, als könne man die Armut riechen. Und dabei war die Containersiedlung noch eine der besseren Gegenden in Ocean. Hier war er der König, der Alpha, der oberste Clanführer. Er ließ die Leute in ihren Behausungen und sie standen ihm treu zu Diensten. Gegen eine kleine Gebühr selbstverständlich. Nicht schlecht, dafür, dass er gerade einmal achtzehn Jahre alt war. Obwohl, in Ocean war das schon ein weitaus längeres Leben, als es die meisten anderen hatten.
„Wie alt bist du?“, fragte er die schwankende Tussi, die ihm daraufhin einen fragenden Blick über die Schulter zuwarf. Diese Augen waren wirklich der Wahnsinn, fast schade darum, dass sie Droge sie bald dahinraffen würde. Ihr Atem ging schnell, als sie einen Moment innehielt und es sich erlaubte Luft zu holen.
„Dreiundzwanzig.“
Devin hob anerkennend die Augenbrauen. „Tatsache?“
Sie nickte und presste sich die Hand auf den Mund. Einen Augenblick wirkte es so, als würde sie sich gleich übergeben. Sicherheitshalber trat er einen Schritt zurück. Das Letzte was er jetzt gebrauchen konnte, war die Kotze einer Djinn-Abhängigen. Am besten sollte er das Geschäft so bald wie möglich abwickeln. „Warte!“
Sie drehte sich zu ihm um und wirkte fast ein wenig erleichtert. Sie waren am Ende der Hauptstraße des Twalley angekommen, die in einer Sackgasse endete. Zwar hätte er das Nötige lieber in einer der Seitengassen erledigt, andererseits waren diese Empfindungen vermutlich eher ein Relikt aus der Zeit, in denen er noch ein ganz kleines Licht in der Siedlung gewesen war.
„Was hast du?“, fragte er stirnrunzelnd.
Mit zitternden Fingern wühlte sie in den Hosentaschen ihrer verschlissenen Jeans. Devin verschränkte ungeduldig die Arme vor der Brust und wartete. Als sie bei den hinteren Taschen angelangt war, blickte sie ihn entschuldigend an. Als hätte er es geahnt … „Hör zu, du kannst natürlich auch anders bezahlen.“
„Wie?“ Sie klimperte mit ihren unwirklich langen Wimpern. Wenn sie das tat, sah sie fast so unschuldig aus wie eine verdammte Disney-Zeichentrickfigur.
„Komm mit.“ Devin zwinkerte ihr zu und deutete auf die Leiter, die an den Containern nach oben führte. Seine Behausung war natürlich in den oberen Stockwerken. „Wir müssen nach ganz oben, meinst du, das schaffst du?“ Skeptisch beobachtete er das zitternde Mädchen. Sie zögerte, aber sie nickte.
Die Metallleiter mit den rostigen Streben knarrte, als Devin sich daran hochzog. Irgendjemand hatte sie vor Jahren an den bunten Überseecontainern angebracht, damit man die oberen Stockwerke leichter erreichen konnte. Seine Container standen in der vierten Etage und überragten so die gesamte Twalley.
Immer wieder blickte er herunter zu dem Mädchen. Sie folgte ihm, schwer atmend, aber sie war noch da. Devin lächelte in sich hinein. Der Abend nahm vielversprechende Züge an. Auf dem Stockwerk unter seinem Domizil warteten seine Leibwächter. Sie musterten skeptisch den Neuankömmling, den er mitbrachte. Can, Mason und Karl. Sie waren seine Augen und Ohren. Die Besten, die er hatte finden können und bisher hatten sie ihm immer gute Dienste geleistet. Doch heute würde er sie nicht brauchen. „Die nächste Stunde will ich keine Störung“, rief er Can zu, der daraufhin die Waffe senkte und ihm zunickte.
Als sie oben ankamen, reichte er dem Mädchen die Hand und half ihr auf die Plattform. Die vier Dächer der Container bildeten eine Art Terrasse vor seiner Behausung. Sein rostrotes Quartier war schlicht und doch einzigartig in dieser Gegend. Man hatte alle Mühe darauf verwendet ihn auszubauen und zusätzlich ein Stück Stoff als Sonnenschutz davor gespannt. Doch das Beste waren nicht das bequeme Bett, die in das Metall gesägten Fenster und die Tür aus Holz, sondern die Aussicht. „Na, was sagst du?“ Devin grinste breit.
Das Mädchen schwieg und blickte hinaus auf den ehemaligen Hafen. Da wo einst Wasser gewesen war, befand sich nun nicht mehr als etwa wadenhoher giftgrüner Schlamm. Die Schiffe lagen schräg in dem Matsch, dazu verdammt für immer an Ort und Stelle zu verweilen. Dahinter ging gerade die Sonne unter und tauchte das trostlose Szenario in blutrotes Licht. Einige verirrte Möwen – die wenigen, die noch nicht der giftigen Brühe erlegen waren – glitten kreischend durch die Luft. Devin hatte festgestellt, dass man in diesen Zeiten ein anderes Empfinden für Schönheit entwickelte. Und das war wahre apokalyptische Schönheit. Es zeigte eben das, was Ocean war: eine Stadt der Überlebenden, der klägliche Rest, umgeben von beißendem Gift. Hätte er auch nur ein wenig Talent dafür, würde er diese Szenerie mit Pinsel und Farbe festhalten wollen.
„Es ist … beeindruckend“, sagte das Mädchen.
Devin grinste noch breiter. „Nicht wahr?“
Die blauen Augen von ihr wirkten glasig, als sie ihn ansah. Ihre Unterlippe zitterte. Es wurde Zeit, sonst würde sie ihm vermutlich noch wegsterben, bevor er seinen Spaß mit ihr gehabt hatte. „Lass uns reingehen.“
Und wieder folgte sie ihm widerspruchslos. Welche Wahl hatte sie auch? Entweder sie bekam eine Dosis Djinn oder sie verreckte elendig.
In seinem Container herrschte Chaos. Alles, was sich an Relikten aus der alten Zeit finden ließ, hatte er gesammelt, in Regale verstaut oder zu chaotischen Stapeln aufgetürmt. Er liebte das, was einmal gewesen war. Er vermisste es nicht wie das übrige Pack in Ocean, er brauchte es. Es gab ihm Halt und das Gefühl, dass das Leben nicht vollkommen sinnlos war.
„Ist das alles … deins?“, fragte das Mädchen erstaunt, den Blick auf eine kleine Spieluhr geheftet; eine Ballerina, die sich auf einer Plattform drehte. Devin griff danach und zog sie auf. Als die kleine Figur sich zu drehen begann, weiteten sich die Augen der jungen Frau. Die Musik, die erklang, war nicht klar zu verstehen und dennoch ... Devin reichte ihr das Stück und beobachtete sie dabei wie sie die Bewegungen und die Melodie förmlich in sich aufsog. Wäre ihr Gesicht nicht so verschmutzt, die Haare weniger strähnig und wären andere Zeiten, hätte sie sicherlich Model werden können. Er schüttelte den Kopf. Doch es war das Jahr 2091 und sie war nichts anderes, als eine Djinn-Abhängige.
Devin trat rücklings an sie heran und legte die Hände um ihre Hüften. Sie erstarrte, wehrte sich jedoch nicht. Er senkte den Kopf und atmete den Geruch ihrer Haare ein. 
Er wusste nicht, womit er gerechnet hatte, doch sicherlich nicht der leicht blumige Duft, der ihm in die Nase stieg. Sie fuhr so plötzlich herum, dass Devin keine Zeit blieb, sich darüber weitere Gedanken zu machen. Die Spieluhr zerschellte an seinem Schädel. Ein kräftiger Tritt riss ihn von seinen Füßen. Devin landete hart auf dem Metallboden. Luft entwich seinen Lungen. Blitzschnell war sie bei ihm und, noch bevor er irgendetwas tun konnte, hatte sie einen feinen Draht um seinen Hals geschlungen. Devins Lippen entfuhr ein gurgelnder Laut, als sie die Schlinge zuzog. Reflexartig zerrte er an dem dünnen Strang. Sinnlos. Sie beugte sich zu ihm herunter. In den blauen Augen stand Entschlossenheit, von der Trägheit war nichts mehr zu sehen. In ihrem Gesicht hatte sich etwas verändert, dass sie so gar nicht mehr verwahrlost wirken ließ. „Wo ist die Liste?“ Wie, um ihre Worte zu bestärken, zog sie den Draht fester. „Einen falschen Ton und ich schwöre dir, du bist tot, bevor es auch nur einer deiner Männer zu uns schafft.“
Er glaubte ihr. In den eben noch so unschuldigen blauen Augen stand etwas, das ihn nicht eine Sekunde zweifeln ließ. Wie hatte er sich bloß so täuschen können?
„Wo ist die Liste?“ Sie ließ etwas lockerer.
„Fick dich“, brachte er japsend hervor.
Ihre Miene verfinsterte sich. Mit einer schnellen Bewegung zog sie die Schlinge wieder zu und schnürte ihm die Luft ab. Es schien sie kaum Mühe zu kosten. Devon keuchte, japste und wand sich. Sie hatte ihr Knie auf seinen Brustkorb gestützt und fixierte ihn so in der Position. Als Sterne vor seinen Augen tanzten, ließ sie wieder lockerer.
„Glaub nicht, dass es für mich eine Rolle spielt, ob du lebst oder stirbst. Ich will nur Zeit sparen. Also, letzte Chance: Wo – ist – die – Liste?“
Devin war stolz, ohne Frage. Und dass diese Frau ihn derart überrumpelt hatte, kratzte ordentlich an seinem Ego. Doch er war nicht dumm und sterben wollte er erstrecht nicht. Wenn sie eine von jenen Untergrundhändlerinnen war, für die er sie hielt, dann wäre jetzt nicht der richtige Zeitpunkt für Spielchen oder einen Bluff.
„In dem Schrank“, sagte er heiser und bedeutete mit den Augen in Richtung Nachtschrank. „Oberste Schublade.“ Sie fixierte ihn eine Weile, als würde sie überlegen, ob sie ihm glauben sollte. Dann erhob sie sich, löste den Draht von seinem Hals und zog stattdessen eine Waffe aus einem Halfter an ihrem linken Knöchel. Sie deutete mit der Mündung auf ihn. „Wehe du zuckst auch nur.“
Devin sah den Schalldämpfer. Schlaues Mädchen. Er hustete und schnappte keuchend nach Luft. Als er sich halb aufrichtete, hob er beide Hände, die Handflächen zeigten in ihre Richtung. Blut von der Kopfverletzung durch die Spieluhr, lief über seine Wange.
Sie ging einen Schritt rückwärts und ertastete blind die Schublade.
„Sie ist kodiert … du kannst damit ohnehin nichts anfangen ...“, sagte er rau. Sein Hals schmerzte, als hätte sie ihm die verdammte Luftröhre rausgerissen.
„Das lass mal meine Sorge sein“, entgegnete das Mädchen und es dauerte nicht lange, bis sie das geforderte Blatt Papier fand. Sie warf einen knappen Blick darauf, lächelte und verstaute sie mit einer Hand im Bund ihrer Jeans. Die Waffe hatte sie nicht einen Augenblick gesenkt. Auch wirkte sie ganz ruhig und sich jeder einzelnen Bewegung bewusst. Ein Profi.
„Du kommst niemals lebendig aus der Siedlung“, sagte er wütend und wusste zeitgleich, dass das wahrscheinlich Unsinn war.
Sie zuckte mit den Schultern. „Wir werden sehen.“ Langsam schob sie sich an ihm vorbei. Erstaunt beobachtete Devin wie die Untergundhändlerin in die Knie ging und die Spieluhr aufhob. Das Spielzeug war etwas beschädigt durch den Zusammenprall mit seinem Kopf, aber immerhin noch in einem Stück. Die junge Frau grinste ihn breit an. 
„Ich finde dich ...“
„Viel Spaß“, sagte sie und klang fast vergnügt dabei. Und dann fuhr sie plötzlich herum und stürmte aus dem Container. Devin kam stolpernd auf die Beine, taumelte aus seiner Behausung. Weg. Er lief zur Leiter. Nichts. „Scheiße!“, rief er aus und fuhr sich durch das Gesicht. „Can!“


Fortsetzung folgt …
©Katharina Groth/2016 unlektorierte Fassung
Kopien des Textes oder Auszüge nur mit schriftlicher Erlaubnis der Autorin


Kommentare

  1. Hey meine Gute!

    Das ist eine wirklich klasse Idee! Die Geschichte ist mega und gefällt mir so richtig gut! Ich weiß leider nicht, ob ich zwei Wochen warten kann, bis ich erfahre, wie es weitergeht!!!

    Ich bin wirklich gespannt, was du da wieder aus deinem Kopf gezogen hast! :-D

    Ganz liebe Grüße

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