Tjarda - Blutiges Djinn (Folge 3: Devins Altlasten)



Und heute gibt es die dritte Folge von Tjarda. Dieses Mal widmen wir uns Devin und ich zeige euch ein Stück von seiner Vergangenheit. Viel Spaß! :-)






Episode 1 - Folge 3: Devins Altlasten

Wenn du das Herz am rechten Fleck hast
und nur beharrlich genug bist,
kannst du alles erreichen.
(Dad)


Der Tag als meine Eltern starben war ein Donnerstag. Es regnete und war kalt. Die Nacht war unruhig, wegen einiger Tumulte innerhalb des Zeltdorfes. Ich weiß nicht, warum ausgerechnet diese unwichtigen Details von diesem Tag in meinem Gedächtnis hängen geblieben sind. Ich hatte vor wenigen Monaten mein eigenes Zelt, neben dem meiner Eltern, bekommen und eigentlich war der Tag gut, denn Dad war bei uns. Als Untergrundhändler kam es immer wieder vor, dass er nächtelang nicht da war und zu diesem Zeitpunkt war das fast nur der Fall. Viel kann ich zu den Vorgängen nicht sagen, nur, dass ich wach wurde von einem Geräusch, bei dem ich das Gefühl hatte mein Trommelfell würde zerspringen. Drei Schüsse, von denen mein kindliches Gehirn erst nicht begriff, dass es sich um welche handelte. Ich kroch aus meiner Behausung. Der Zelteingang meiner Eltern stand offen und die Plane flatterte im Wind. Als ich an das Zelt trat und hineinsah, blieb mein Herz für einen Sekundenbruchteil stehen, der sich unendlich in die Länge zog. Irgendwann fing ich an zu schreien, zu weinen und dann ist alles bloß noch verschwommen.




Das Exit war keine Kneipe im gewöhnlichen Sinne. Sie wirkte vielmehr wie ein verzweifelter Versuch das zu imitieren, was in früheren Zeiten einmal als billige Absteige deklariert worden war. Devin überlegte, wann er das letzte Mal hier gewesen war. Seitdem das Twalley vollkommen seins war, machte er einen großen Bogen um diesen Ort und das hatte auch einen guten Grund.
Über dem ins Metall geflexten Eingang, war ein altes Exit-Schild angebracht worden. Devin fuhr sich durch das Haar und machte sich gerade, bevor er sich dem halb zerschlissenen Vorhang näherte. Er schob ihn beiseite und betrat das Innere. Der Geruch von Schweiß und billigem Fusel schlug ihm entgegen. Obwohl es gerade einmal mittags war, war der Laden gut besucht. Zehn Tische, einer unterschiedlicher als der andere, mit einem bunten Sammelsurium an Stühlen, die darum arrangiert waren. Genau wie die Leute in diesem Viertel, nichts passte recht zusammen und dennoch waren sie alle hier.
Man hatte die inneren Trennwände von drei Containern herausgeflext, sodass ein großer Raum entstanden war, auf dessen linker Seite sich eine Theke befand, die aus den Metallabfällen zusammengeschweißt worden war. Devin ignorierte die neugierigen Blicke und überging die Feindseligen.
„Hey Carl“, sagte er und trat an die Theke. Hinter dem Mann mit dem kahl geschorenen Kopf stand ein großes Fass Snarg. Ein starker Schnaps, der vermutlich aus alter Unterwäsche und abgetragenen Socken gebrannt wurde.
„Devin.“ Der Mann mit dem faltigen Gesicht musterte ihn stirnrunzelnd und griff dann nach einem der abgegriffenen Plastikbecher neben sich. „Einen Normalen?“
„Bitte“, sagte Devin, obwohl ihm eigentlich gar nicht danach war. Als Bezahlung schob er ein kleines Tütchen Djinn über den Tresen.
Carl zapfte einen halben Becher, schob ihn zu Devin und griff wortlos nach der kleinen Tüte mit dem silbrigen Sand.
„Was machst du hier, Junge?“
Devin nahm einen Schluck und unterdrückte ein Husten, das seine Kehle hinaufkroch. Es schmeckte wie immer abscheulich; wie eine Mischung aus Motoröl und Essig. Eine Tatsache, die sich jedoch ab dem dritten Becher recht gut ignorieren ließ. Wie alles andere auch.
„Ein spontaner Besuch“, log er.
Während sein Blick den zweiten Durchgang zu dem Büro streifte, das direkt an den Schankraum anschloss, wünschte er sich woanders zu sein. Er schaute kurz herüber zu dem struppigen Haarschopf, der drei Barhocker entfernt auf den Tresen gesunken war. Die Hand umfasste noch immer den Becher, der Hinterkopf war Devin zugewandt. Ihr Brustkorb hob und senkte sich leicht.
„Kelly“, sagte Carl und auf einmal wirkte seine Miene betroffen.
„Was ist mit ihr?“ Die Frau war nicht einmal dreißig, wohnte in der Nähe des Twalley. Sie besaß einen kleinen Container, der gut hergerichtet war. Eigentlich eines der besseren Schicksale dieses Stadtteils. Als Devin noch jünger war, hatte er häufiger mit ihr zu tun gehabt.
„Die Stravati-Familie hat ihren Sohn abgeholt.“
„Jerimo?“
„Ja.“ Carl griff wusch einige Becher in der Waschschüssel ab. Das Wasser hatte fast dieselbe Farbe wie das Snarg; braun, undurchsichtig. „Sie hat es nicht gut verkraftet.“
Devine nickte, presste die Lippen aufeinander. Kaum jemand hier konnte das, was längst Normalität war, akzeptieren. Spätestens wenn es um das eigene Kind ging, kam die Angst. Dabei brachte es nicht einmal etwas, wenn sie ihren Nachwuchs versteckten. Die Familien bekamen immer das was sie wollten. „Noch ein Jahr und dann wäre er uninteressant gewesen.“ Devins Hand krampfte um den Becher.
„Ja. Schöne Scheiße.“
Devin riss sich von Kellys Anblick los und versuchte die unguten Gedanken an seine Vergangenheit beiseite zu schieben. Mit viel Glück hatte der kleine Junge es besser als er selbst zu seiner Zeit. Vielleicht würde er es sogar in die oberen Kreise schaffen und würde nicht einen Gedanken mehr an seine Mutter verschenken. Das war gut und genau das wünschte Devin ihm. Außerdem gab es schlimmere Schicksale als die Stravati-Familie.
„Carl, kennst du eine Untergrundhändlerin. Groß, schlank, hübsch, blonde Haare?“
Der Barmann hob eine Augenbraue. „Ich kenne einige, aber keine von denen ist hübsch. Eher grobschlächtig, großmäulig und mit nem breiten Kreuz, wie es sonst nur Kerle haben.“
Devin lachte auf. „Nein, das passt wohl nicht zu ihr.“
„Wer ist dir denn da über den Weg gelaufen?“
Devin leerte seinen Becher in einem Zug, ignorierte den abartigen Geschmack und konzentrierte sich stattdessen auf die brennende Hitze, die sich in seiner Magengegend breitmachte. Er stellte den Becher auf dem Tresen ab und Carl füllte ihn ungefragt nach. Ein weiteres Djinn-Päckchen wechselte den Besitzer.
„Ich hatte Besuch von einer. Sie war ganz sicher ein Profi, kann gar nicht anders sein.“
„Einer von der Familie?“
Devin schüttelte den Kopf. „Die machen sich die Hände normalerweise nicht schmutzig und außerdem wäre ich wohl kaum am Leben, wenn sie wüssten wo ich bin.“
„Stimmt.“ Carl runzelte die Stirn.
„Sie muss eine von den Untergrundhändlern sein, ich bin mir verdammt sicher.“
Carl fragte nicht nach, was das Mädchen von Devin gewollt hatte. So etwas tat er nie und vermutlich war er deswegen auch noch am Leben. In diesem Teil von Ocean war es besser, wenn man möglichst wenig wusste. Der Barmann musterte ihn eine Weile und wirkte nachdenklich. „Du spielst doch nicht mit dem Gedanken Bump zu fragen?“
Devin nippte an seinem Becher und spürte das der Geschmack schon nicht mehr ganz so unerträglich war. „Ich muss sie finden.“
Carl seufzte. „Ich halte dich ja schon für bekloppt, hier überhaupt aufzuschlagen, aber wenn du da wirklich reingehst, bist du lebensmüde.“ Er nickte in Richtung Bürodurchgang. „Seitdem du ihm das Twalley abgeluchst hast ist der Alte wirklich nicht gut auf dich zu sprechen.“
„Ich habe es rechtmäßig erstanden.“ Devin grinste schräg.
„Du hast ihn beschissen.“ Man sah Carl an, dass er sich nur mit Mühe ein Lachen verkneifen.
Devin zuckte mit den Schultern. „Ich habe halt vom Besten gelernt.“ Er reichte Carl seinen Becher. „Reicht für heute. Ist er da?“
„Lass dir den guten Rat geben …“
Ist er da?“, fuhr Devin ihm dazwischen.
„Wo – verdammt noch mal – soll er sonst sein?“ Carl warf ihm einen gereizten Blick zu. „Aber sage nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.“
Devin stieß sich von der Bar ab. „Machs gut, Carl.“ Statt einer Antwort, vernahm er lediglich ein leises Knurren.
Als Devin vor den Vorhang trat, spürte er deutlich das Pochen seines Herzens. Eigentlich hatte er tatsächlich gehofft hier nicht mehr aufschlagen zu müssen bis sich die Wogen geglättet hatten. Doch da ihm dieses verdammte Miststück die Liste geklaut hatte, sah die Lage anders aus. Er hatte keine Wahl. Vorsichtig schob er den Vorhang beiseite. Der Container war lediglich durch ein Loch in der Decke erhellt. Sofort stieg ihm der faulige Gestank in die Nase.
„Dass du dich hier her traust …“
Die feinen Härchen in Devins Nacken richteten sich auf, als er die schnarrende, heisere Stimme vernahm. Der Schreibtisch befand sich auf der rechten Seite des Containers. Zwei Leibwächter starrten ihn aus finsteren Augen an. Devin wusste, dass es für sie ein Leichtes wäre ihn hier und jetzt auszuschalten. Einfach so. Niemand würde nach ihm fragen.
„Ich wäre auch nicht hier, wenn es nicht wichtig wäre.“ Er straffte die Schultern und trat vor den Schreibtisch. Bumps Gesicht lag halb im Schatten, doch auch so erkannte Devin die löchrige Haut in hellem Rosa. Sie enthüllte Bereiche, die man eigentlich nicht sehen sollte: Knochen, Muskelfasern. An einigen Stellen sah es so aus, als würde Bumps Haut Blasen schlagen. Doch das tat sie nicht mehr. Der Chemieunfall hatte lediglich Spuren hinterlassen, die sein Gesicht und den Oberkörper entstellten und obwohl der Chef dieses Stadtteils alles nur Erdenkliche dagegen tat, vergammelte seine Haut weiter. Auf dem Schreibtisch stapelten sich die Medikamente, Mullbinden und Desinfektionsmittel. Doch der Gestank, der von dem menschlichen Klumpen Fleisch deutete darauf hin, dass alles nichts half.
„Oder vielleicht, weil du lebensmüde bist?“
Devin spürte die Blicke der beiden Leibwächter in seinem Rücken.
„Jemand hat mir die Liste abgenommen“, sagte er ohne Umschweife.
Die Augen des entstellten Mannes traten leicht hervor, ein röchelnder Laut kam über seine Lippen. Devin wappnete sich innerlich. „Du verarschst mich?“
„Sehe ich so aus?“ Er blickte Bump ungerührt an.
„Alleine dafür sollte ich dir deinen hübschen Kopf abreißen lassen! Weißt du, was daran hängt, hast du überhaupt eine Vorstellung …?“
„Es ist ja nicht so, als hätte ich sie verloren, Bump. Jemand …“
„Als kleiner Junge habe ich dich aus der Scheiße rausgeholt, dafür gesorgt, dass die Familie dich nicht weiter schikanieren kann …“ Bump griff nach einer der Salben und begann sie auf einer Stelle auf Höhe seiner Lippen aufzutragen, an der besonders viel Fleisch fehlte. Es enthüllte ein schräges Grinsen, das wahren Stoff für Albträume bildete.
„Ich bin dir dafür auch dankbar.“
„Dankbar.“ Die Faust von Bump landete krachend auf dem Tisch. „Das nennst du dankbar?!“
Devin versuchte nicht in sich zusammenzufallen und den leicht feuchten Fleck zu ignorieren, den die Faust auf dem Tisch zurückgelassen hatte.
„Ich habe nur das getan, was du mir beigebracht hast. Es war an der Zeit selbst Verantwortung zu übernehmen …“
Bump hustete und spie einen klumpigen Brei auf die Oberfläche seines Schreibtisches. Sofort war einer seiner Leibwächter da und wischte die Ausscheidung kommentarlos fort. „Anscheinend hättest du länger in die Lehre gehen sollen, wenn du dir so etwas Wichtiges wie die Liste stehlen lässt.“
„Wenn du mich hättest ausreden lassen, dann könnte ich dir sagen, dass es sich um einen Profi gehandelt hat.“
Bump lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und musterte ihn eingehend. „Ach?“
Devin ballte die Hände zu Fäusten. „Es war eine junge Frau, hübsch, groß und verdammt schlau … ich denke, es war eine Untergrundhändlerin.“
Einen Moment blieb es still und dann brach Bump in ein laustarkes Gelächter aus. Devin knirschte mit den Zähnen, ließ den Spott wortlos über sich ergehen. „Bei den Untergrundhändlern gibt es kein weibliches Wesen, auf das diese Beschreibung passt.“
„Sie war ein Profi“, sagte Devin mit Nachdruck.
Die beiden musterten sich eine Weile. Schüler und Lehrer. Schließlich wurde der Ausdruck von Bump ernst. Egal was zwischen ihnen stand, seit der Sache mit dem Twalley, sie vertrauten einander. Oder zumindest gab es einen gewissen Grad an Respekt und das war schon viel in dieser Stadt. „Wenn das was du sagst stimmt, haben wir ein Problem.“
„Das sehe ich auch so.“
Bump griff abermals nach einem Salbentiegel, öffnete ihn und verteilte eine scharf riechende Substanz auf einer nässenden Stelle im Gesicht. „Ich werde meine Leute hinschicken und herausfinden wer das war und vor allem: für wen sie gearbeitet hat. Die Liste ist ein wichtiges Druckmittel. Wenn jemand anderes sie ebenfalls in den Händen hat, überrennt die Maracesh-Familie diesen Bezirk, noch bevor einer von uns Snarg sagen kann.“
Devin nickte.
„Komm morgen Nachmittag wieder hier her, bis dahin habe ich Informationen. Und Devin?“
Er blickte seinen Lehrmeister an. Bereits jetzt hatte er sich schon wieder an dieses Abbild des Grauens gewöhnt. Früher hatte er es jeden Tag gesehen, den Geruch eingeatmet, seinen Launen ausgehalten und Bump umsorgt. „Wenn du mich dieses Mal verarschst, wird auch keine verdammte Sentimentalität verhindern, dass ich dir höchstpersönlich dein Herz rausreiße.“
„Bis morgen, Bump.“ Er drehte dem Schreibtisch den Rücken zu und wollte gerade durch den Vorhang nach draußen treten, als ihm noch etwas einfiel. Er wandte sich noch einmal um. „Bump, ich habe Kelly draußen gesehen.“
Das entstellte Gesicht verzog sich unwillig. „Tragisch.“
Devin durchschaute die Fassade, er kannte ihn zu gut. „Es war ein Handel oder nicht?“ Er spürte wie sich seine Kiefermuskulatur verspannte.
Einen Moment blieb es still und dann bewegten sich die Überreste von Bumps Lippen zu etwas, was einem Grinsen ähneln konnte. „Du kennst das Geschäft, Junge. Für Kelly mag es ihr Sohn sein, den sie geben musste. Uns allen hat sie damit die Djinn-Versorgung für die nächsten Wochen gesichert. Die Stravati-Familie war sehr zugänglich.“
Devin sagte nichts mehr, verließ schnellstmöglich den stinkenden Container. Und auf einmal wusste er, warum sich alles in ihm sträubte mit Bump weiterhin Geschäfte zu machen. Die Menschen waren ihm noch nie viel wert gewesen.


Fortsetzung folgt …
©Katharina Groth/2016 unlektorierte Fassung


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